Alles ist wahr oder: Über konzeptuelle Texte und Literatur

Swantje Lichtenstein

 

1. Alle Texte führen in „Zwangslagen des Verstehens“
(O. Wiener).

 

2. Der Text ist das Ding. Es ist das Ding, sagt er. Es ist das Ding die Poesie. Es ist Dingdichtung. Ich schreibe vornehmlich Dingtexte.

 

3. Der Blick auf das Ding hat sich verändert, der Blick auf den Text und den Kontext, darum ist alles, so John Cage, was wir sehen sowie der Prozess wie wir es ansehen – ein Duchamp („Therefore everything seen – every object, that is, plus the process of looking at it – is a Duchamp“ (vgl. C. Menke/J. Cage)).

 

4. Dinge sind Chosen, Sachen, Substanzen, Gründe, Sachverhalte, Status, Werk. Im etymologischen Sinne ist es das Ding, das „auf einen Konfliktstoff innerhalb einer Versammlung verweist, die eine Diskussion führt, welche ein gemeinsam getragenes Urteil erfordert.“ (vgl. B. Latour, PdD, 286). „Jedes Ding hat hundert Glieder und hundert Gesichter“ (Montaigne, Essais).

 

5. Der Konzeptualismus in der Literatur schreibt vor oder nach. Behauptet nicht Poesie handele nur von Poesie, behauptet nicht die Freiheit von Allegorie. Sieht Metaphern als Vergegenständlichung von Worten (vgl. W.Benjamin, A. Fletcher, P. de Man).

 

6. Die Literatur hinkt der Kunst mindestens 50 Jahre hinterher (vgl. B. Gysin). Literatur spricht noch von Originalität und täubchenhafter Inspiration ohne mit der Wimper zu zucken.

 

7. Die Idee von Originalität und Kreativität bedient den Markt, dient nicht der Literatur. Neues stellt eine Brücke zum Kapital dar. Freie Verse, exponierte Bildlichkeit, Ironie oder Absurdität, Nachweis von Zeitgenossenschaft oder literatur(-historischen) Kenntnissen sind bei aktuellen Publikationen Kriterium für „Poetizität“ (vgl. M. Perloff, Poetry at the Brink). Was dann?

 

8. Spektakel und Ereignisse (vgl. Eszra Pounds „Make it New!“) unterwerfen sich einem kapitalistischem Antrieb. „Neu“ ist kein aussagekräftiges Attribut.

 

9. Konzeptuelle Texte iterieren bewusst. Das „Neue“ wiederholt alte Zeiten. Wird Vorschau auf ein „Kommendes“, das aber nur mehr ein Marktinstrument ist, auf die nächste Kollektion, die Arbeit an der Verkäuflichkeit mit dem Ziel zurückgeschickt werden zu können. Nur wohin? Dann wird sie eben zu Ende gepresst.

 

10. Festhalten und fest daran glauben hilft der Literatur weniger als poetische, experimentelle Arbeit.

 

11. Es gibt eine poetische Industrie und es gibt poetische Kunst. Und es gibt alles zusammen. Einfach. Alles ist wahr (vgl. W. Shakespeare).

 

12. Es gibt Listen falscher und richtiger Wörter. Es gibt Listen richtiger und falscher Bücher.

 

13. Es gibt Kunst und es gibt Design. Auch in der Literatur. Kunst geht nur ganz.

 

14. „Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese“ (F. Nietzsche, Aphorismus 107).

 

15. Konzeptualismus in Texten ist zunächst ein Denkmodus und dann ein Schreibmodus. Der Modus des Lesens oder der Lektüre gehört dem an.

 

16. Konzeptuelle Texte stellen Fragen. Das ist eine Antwort.

 

17. Konzeptuelle Texte führen zur Destabilisierung von Poesie und Literatur.

 

18. Es gibt Dada, Oulipo, Konkrete Poesie, Wiener Schule und den Konzeptualismus.

 

19. Konzeptualismus und konzeptuelles Schreiben stellen sich dem Schreiben im digitalen Zeitalter. Ein solches Schreiben gibt sich selbst Regeln auf.

 

20. Konzeptualismus in Texten ist eine Perspektive des Schreibens. Das Ergebnis kommt erst nach dem Prozess.

 

21. Dieser Konzeptualismus widersteht einer simplifizierten Subjektivität und glaubt nicht des Subjekts verlustig gehen zu können.

 

22. Konzeptuelles Schreiben interessiert sich für verschiedene Arten der Depersonalisierung. Es weiß darum, dass dem ICH nicht zu entkommen ist, er schaut sich dessen Verfahrensweise an und zeigt sie auf (vgl. O. Wiener).

 

23. Konzeptuelles Schreiben überdenkt Arten von Produktionsprozessen und Produktionsbedingungen. Ästhetisch, politisch, kulturell etc.

 

24. Dieser Konzeptualismus kollaboriert. Ist transkulturell.

 

25. Er ist Kontextualisierung. Kontexte treten gerne im Kollektiv auf.

 

26. Die Präsenz eines Textes lässt sich am Kontext ablesen.

 

27. Literatur ist nicht Information und sicher keine Dienstleistung. Der Konzeptualismus reagiert auf die Streuung von Information und die Veränderungen der Sprache durch omnipräsente Kommunikationsmedien und deren Anwendungen.

 

28. Die Periphrase ist eine Art Echo. Das Abschreiben eine Art Singen vom Blatt.

 

29. Ästhetische Erziehung zeigt, wie Rancières „unwissender“ Schulmeister, dass die Transgression von Wissen zuerst die Verteilung von Sinnlichem ist und selbst philosophisch oder künstlerisch angelegt. Wie der Künstler sich selbst zum Zuschauer macht und den Zuschauer zum Erzähler, leitet ein Lehrender die Subjektivierung der Subjekte und Objekte an und nicht nur sein eigenes Subjekt. Kunst ist Lehre zur Emanzipation. Lehre kann Kunst sein und muss nicht zum Spektakel werden.

 

30. Konzeptuelles Schreiben bedient sich transversaler Praktiken (vgl. F.Guattari). Er wandelt in den Passagen, siebt und dokumentiert (vgl. W. Benjamin).

 

31. Anfangen und Aufhören sind dem Text fremd. Er hört nicht auf. An den Rändern sind immer Übergänge.

 

32. Der literarische Text ist kein Fetisch. Engagiert ist alles, was Text ist. (Vgl. T.W. Adorno) Wenn das Einfache allein steht und der Text selbst genug sein will, muss er untergehen oder er ist nur eine Entschuldigung sich nicht anstrengen zu wollen (Vgl. P. Valéry, Über Kunst).

 

33. Der konzeptuelle, literarische Text soll nicht kreativ sein. Unkreative Texte sind literarische Texte (vgl. K. Goldsmith).

 

34. Konzeptuelle Texte richten sich nicht gegen Emotionen.

 

35. Der Verzicht auf individuelle Expressivität bedeutet nicht, dass die Texte „kalt“ bzw. nur intellektuell wären oder unpoetisch.

 

36. Befremdliche Texte sind denen, die nicht befremden vorzuziehen. Besinnung verliert an Wirklichkeit, wenn man darauf vertraut (vgl. P. Valery).

 

37. Texte sind der Gefahr ausgesetzt belanglos zu sein. Poesie ganz besonders. Wenn sie nur gut gemacht ist, ist sie haltlos. Sobald sie handfertig in der Vermeidung der Metaphorik den Ernst oder das Pathos’ verbrät und das Volksnahe mit dem verpönten Intellektuellen kompiliert, stockt es.

 

38. Der Text stirbt. Der Subtext wird getötet. Alles findet an der Oberfläche statt. Anstatt.

 

39. Das Lesen wird greifbar gemacht oder verweigert. Die Datenverarbeitung prozessiert.

 

40. Texte fragen unterschiedliche Praktiken als Kommentare und Lektüren ab oder fordern sie ein.

 

41. Konzeptuelle Texte sind Transkripte und Transaktionen. Sie konfrontieren ihre eigenen Beiträge.

 

42. Konzeptuelle Texte demonstrieren die endlose Rede in Zyklen. Sind Zeichen eines konzeptuellen, zyklisch angelegten Zeitalters.

 

43. Texte verschreiben sich grammatikalischen Aneignungen oder Adoptionen und nicht dem Besitz von Wort und Struktur.

 

44. Konzeptuelle Texte konzentrieren Komplexität in einer einfachen Form. Sie stellen Hyperdiskursivität dar, bilden literarische Denkprozess ab. Fragen nach Verfahren, nicht hinter der Form, sondern als solches.

 

45. Interaktionistisches Sammeln steht für konzeptuelle Texte im Vordergrund. Die Aneignungen können auf dem Makro- oder Mikrolevel stattfinden. Die direkte ästhetische Kontrolle wird dem Leser verweigert.

 

46. Konzeptuelle Texte verweigern eine „Satuierungsästhetik“ (M. Bense), die die große Menge des literarisch Produzierten bezeichnen kann.

 

47. Die Konstruktion eines Schemas oder einer Struktur sowie ihre räumliche Anordnung werden hierbei wichtig. Es sind aber nicht die konkreten, visuellen oder verbovokalvisuellen Erzeugnisse gemeint, alles Emblemata oder Figurengedichte.

 

48. Literarische Texte bestechen und bestehen durch eine grammatikalische Überbelegung, die sich aus anderen Texten bedient oder zeigt, wie Texte geschehen oder Dinge. Konzeptuelle Texte setzen das voraus, müssen das aber nicht zwangsläufig demonstrieren.

 

49. Abgeschriebene, kopierte oder umgeschriebene Texte, die einem Konzept folgen, sind literarische Texte im Sinne des Konzeptualismus.

 

50. Sie können der Konstitution, der Konstruktion oder der kollaborierenden Aktion dienen. In einem Akt der Wiederaufnahme des Fadens oder dem Füllen eines Wechselrahmens.

 

51. Der Konzeptualismus in der Literatur setzt auf Fehllesen oder Verschreiben.

 

52. Konzeptuelle Texte bestehen vor allem aus Recherche, Sammeln, Re-Arrangieren, Wiederholen, Abschreiben, Verschieben und der Dokumentation des Suchens etc. Ein Synthesizer hilft manchmal.

 

53. Das Schreiben und der Schreibende werden zu einer Suchmaschine.

 

54. Das Schreiben wird zu einer Rekonstruktion des Dekonstruierten.

 

55. Es handelt sich dabei um eine subtextuelle Dematerialisierung durch Material. Der konzeptuelle Text weist darauf hin. Unablässig.

 

56. Das Genie ist ein Wahnsinniger, der jemanden braucht, der ihn und seinen Text auslegt (vgl. I. Kant). Der konzeptuelle Text ist Aneignung und Auslegung zugleich. Er pflanzt sich selbst fort.

 

57. Der konzeptuelle Text desavouiert politische Bezüge.

 

58. Er ist eher Konfusion als Konfession/Bekenntnis oder aber konfuses Bekenntnis.

 

59. Der konzeptuelle Text widersteht und besetzt Worte, Stil/Stillosigkeiten und arbeitet einer kreativen Originalität entgegen.

 

60. Konzeptuelle Texte widmen sich Prozessspielchen und Prozesssprachen.

 

61. Sie zeigen fehlende Verbindungen, Absprachen und finden Umwege.

 

62. Sie kombinieren Produktivität und Kontingenz.

 

63. Sie setzen nicht auf das Besondere, das Individuelle oder Monokulturen.

 

64. Sie geben Raum für Kommentarbedürftigkeit (vgl. A. Gehlen), Mitsprache und Gemeinsinn.

 

65. Der Konzeptualismus in der Literatur wendet Techniken an, die sich an den Fragen nach dem Zugang zum Text versuchen, der Unlesbarkeit und der außertextlichen Narrativität, der Kategoriensuche und dem Unkategorischen, der Trennung zwischen verschiedenen textuellen Praktiken, Theorien und den Dingen (vgl. V. Place).

 

66. Konzeptuelle Texte sind gut genug.

 

http://www.revistalaboratorio.cl/2013/08/swantje-lichtenstein