Was ist Konzeptualismus?

Vanessa Place

 

Konzeptuelles Schreiben wurde als ein Schreiben definiert, dass nicht selbstdefinierend ist. Es umfasst „unkreatives“ Schreiben, das nicht gelesen werden muss, prozessuale Arbeiten, die als Code funktionieren, ethnographisch-dokumentarische Praktiken und Poesie, die nur Poesie ist, weil sie im Rahmen einer poetischen Institution existiert. (So wie P = (~ P).) In den Vereinigten Staaten und in Kanada ist Konzeptualismus eine literarische Bewegung des frühen 21. Jahrhunderts mit Duchamps Ready-mades, Appropriations Kunst der 1980er Jahre, Konkreter Poesie aus Brasilien und französischem, regelgeleiteten Oulipo-Schreiben als Vorläufern. In Frankreich werden „poetische Dokumente“ als standortspezifischer Knotenpunkt soziologischer und linguistischer Analysen nutzbar gemacht; auf den Philippinen dient Konzeptualismus als performative Institutionskritik. Schweden und Chile blicken auf ein 40-jähriges Erbe konzeptuellen Schreibens zurück, das aus einem absolut disparaten, politischen Klima und den dazugehörigen Oppositionen entstanden ist. Im Iran ist Appropriation eine literarische Konvention, die nichts kritisiert und der Geschichte treu dient; zeitgenössische russische Video-Poesie hat ihre Wurzeln im Moskauer Konzeptualismus der 1970er Jahre und in der russischen Praxis, visuelle und literarische Künste zu vermischen.

 

Ich bin Amerikanerin. Als amerikanische Praktikerin bin ich an der Arbeit mit Text als Material interessiert – eine Idee, die in der Kunstwelt gang und gäbe ist, auch wenn die Kunstwelt oftmals nicht mit den spezifischen materiellen Eigenschaften von Text vertraut ist. Text klingt, bedeutet, beinhaltet und hat einen Kontext. Er ist gänzlich mit Geschichte parfümiert, sprich mit Geographie. In meinem 383-seitigen Buch Die Dichtkunst wiederhole ich den Buchstaben „u“ einfach tausende Male:

 

uuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuu

 

Und so weiter. Da diese Arbeit eine Hommage an Hanne Darboven darstellt, ändert sich das „u“ auf elf Seiten in der Mitte des Buches radikal zu:

 

uuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuu

 

Nur aus einem einzigen Buchstaben bestehend ist Die Dichtkunst die einfachste oder dümmste Form lyrischer Dichtung und dadurch auch die am wenigsten übersetzbare. Wenn man den Text auf Englisch laut liest, ist er ein Ruf, eine Adressierung, auf die es weder Antwort noch Linderung gibt, nur ein angeschlagenes Zwischenspiel. Wenn man den Text leise auf Deutsch liest, deutet er eine Verbindung und die Erotik des „Nächsten“ an. Jeder Text verdient noch ein Nächstes.

 

Als amerikanische Praktikerin bin ich an der Arbeit mit Texten als Gewalttätigkeiten interessiert. Ich lebe in einem gewalttätigen Land und glaube, dass künstlerische Arbeit die zeitgenössischen Bedingungen verdichten sollte. Nicht, um sie instandzusetzen, da dieser anmaßende Funktionalismus etwas zu amerikanisch von mir wäre, sondern einfach, um die Bedingungen zu reflektieren. Nicht wie ein Spiegel im typischen Sinne, das wäre mir zu Warhol’sch, zu postmodern, zu leinwandhaft. Zu sehr eine Reflexion der Gegenwart für die gegenwärtige Reflexion des Publikums. Eher wie ein Spiegel im Sinne eines Gegenstandes, der projiziert und reflektiert, wie der Computerbildschirm, der uns das zurückfüttert, was wir vorlegen und über uns ergehen lassen. Wie die Kunst selbst. So, dass es keine Bilder vor unseren eigenen, mickrigen Bildern gibt. Zum Beispiel habe ich Teile von strafrechtlichen Berufungsbegründungsschreiben appropriiert, die ich bei meiner Arbeit als Strafverteidigerin geschrieben habe, und sie als Poesie in der Trilogie Tragodia präsentiert. Ein Beispiel aus dem Band Statement of Facts [Blanc Press 2010; dt.: Tatbestand]:

 

Joncey erinnerte sich nicht daran, dem Ermittlungsbeamten gesagt zu haben, sie habe den Ankläger angerufen und ihn in der Autowerkstatt getroffen, dass er ihr Fotografien von Mädchen in kurzen Hosen und Stilettos gezeigt habe, oder dass er sie gefragt habe, ob sie wie diese Mädchen auf den Fotos aussehen möchte. Sie erinnerte sich nicht, dem Ermittlungsbeamten gesagt zu haben, dass der Kläger gesagt habe, sie werde wie diese Mädchen aussehen, wenn sie bei ihm bliebe, dass er ihr hübsche Kleider kaufen würde, oder dass sie dem Kläger sagte, ihren Eltern sei sie egal, daher solle sie mit ihm gehen. Joncey sagte aus, dass sie mit dem Kläger freiwillig mitgegangen sei, und dass er sie nicht gezwungen habe, irgendetwas zu tun. (RT 4:690-692, 4:694, 4:709-710)

 

Wie ich in Notes on Conceptualisms [Place u. Fitterman: Covertext. Anmerkungen zu Konzeptualismen. Merve 2013] bereits angemerkt habe, ist jedweder Konzeptualismus allegorisch. Während der Symbolismus Bedeutung innerhalb eines Zeichen bündelt, verschleudert die Allegorie die Bedeutung eines Zeichens, das seine Bedeutung nur aus einer Reihe von Zeichen bezieht – aus einer kontextuellen Bedeutung.
Dadurch wird deutlich, wie die Allegorie in einer Spirale aufsteigt: eine Allegorie der Gesetze, eventuell der sexuellen Gewalt, vielleicht, des rhetorischen Wesens der Wahrheit und der Poesie, sicherlich. Und wenn du keine Amerikanerin bist, bewegt sie auch etwas im Hinblick auf Amerika. (Amerikaner denken niemals freiwillig über Amerika als etwa Gegebenes (donné).) Oder eine Nummer kleiner: Alles, was verwendet wird, sind Facebook-Statusmeldungen, die so eingesetzt werden, dass sie aussehen wie eine Art Poesie:

 

oder ist es nur tv
oder ich oder sind
homosexuelle
romanzen ein wenig …
melodramatisch
heutzutage

 

Oder etwas aus den britischen Nachrichten mit dem Titel „Polizei untersucht einen rassistischen Tweet“:

 

Eine Ermittlung wurde eingeleitet
die einer Nachricht an einen
Manchester-United-Spieler
nachging

 

Oder man verwendet etwas aus einem amerikanischen Bericht, der den Titel trägt „Wir waren im Fitnessstudio“:

 

Wir waren im Fitnessstudio, und ich hörte wirklich lautes Hämmern. Wir dachten, dass jemand etwas umschmiß. Und wir hörten Schreie, und wir hörten Schüsse. Wir hörten viele Schüsse. Und wir hörten jemanden sagen, ‚Hände hoch.’ ‚Nicht schießen.’

 

Oder etwas aus dem Poetry-Foundation-Twitter-Feed:

 

Was macht einen Dichter aus? bit.ly/17xHH9j

 

Was zunächst jeweils wie ein einfacher Trick der Re-Kontextualisierung, oder ein zu leichter Wittgensteinscher Beweis aussieht, wird bei genauerem Lesen als ein Sprung in die bodenlose Kiste der Sprache entlarvt. All unsere Bedeutungssysteme kommen gleichzeitig in Betracht und ins Spiel: Was ist die Bedeutung des Wortes „nicht“, wenn wir darüber reden, etwas gesagt zu haben, und wie koexistiert das Negative zusammen mit der Affirmation – wie kann das Sagen, dass jemand etwas nicht gesagt hat, der Beweis dafür werden, dass etwas gesagt wurde, was wiederum jemanden in einer anderen Sache für schuldig erklärt? Was sind die sexuellen und ethnischen Politiken der sexuellen und ethnischen Performanz? Wer stellt etwas dar und vor, oder genauer: Wer tut dies nicht? Wo liegt die Verbindung zwischen Sport und Schießereien oder wo der sportive Effekt einer Wiederholung von Gewalt? Wie kann das Zentrieren eines Gedichts eine andere Form eines psychologischen Tests sein? Und wenn die Frage der Poetry Foundation durch eine Aufzählung unverständlicher Bedeutungsträger beantwortet wird, ruhig und unverbunden wie Stonehenge – ist das dann die Antwort auf die Frage „Was macht einen Dichter aus?“

 

Was also ist konzeptuelles Schreiben?

 

Es ist die Poesie der Leute, unsere Sprache für uns und von uns – dabei erfüllt es jedoch das poetische Mandat, Geschichte innerhalb der Kunst der Sprache zu bezeugen sowie das Diktat der Avantgarde, es solle keine Trennung von Leben und Kunst geben. Ein amerikanischer Kritiker nannte mich „die Sprecherin einer neuen zynischen Avantgarde“. Wenn es einen Zynismus gibt, liegt er in den Zeiten, in denen wir leben. Letztendlich poetisiere ich alles, was ich sehe. So wie es ist, oder mit so wenig wie möglich, durch mich. Konzeptuelles Schreiben unterscheidet nicht in Bezug auf den Inhalt zwischen dem, was als Realität wahrgenommen wird (immer vermittelt, niemals ungebunden) und dem Realen. Das ist wahrscheinlich der unverdauliche Happen, der Löffel im Knopfloch, der Schuss in den Arm des öffentlichen Geschmacks.

 

Das erinnert mich an einen Witz, der ein Gedicht sein könnte:

 

Mann: Du weißt doch, was ich will. Warum verlangst du von mir zu beten?
Gott: Weil ich will, dass du es sagst, Miststück.

 

Zu guter Letzt bin ich als amerikanische Praktikerin daran interessiert, mit Text als Kapital zu arbeiten – gerade weil unsere derzeitige kapitalistische Situation die des Semiokapitalismus ist d.h. dem Handel von und mit Zeichen und Bedeutungsträgern, mit denen wir ebenso produzieren, wie auch konsumieren. So wie Zeit auch Raum ist. Dies wird in den sozialen Medien versinnbildlicht, die natürlich ein Medium sind. Und wenn das Zeichen das Ding ist, mit dem gehandelt wird, und wenn das Zeichen aus dem ist, woraus auch immer es heute ist oder sein sollte (wie kann ich etwas über morgen wissen, wenn ich nicht weiß, was heute bedeutet), dann kann fairerweise auch behauptet werden, Konzeptualismus stört, Lyrik versichert. Lyrik leckt die Welt in eine sinnliche Form, wohingegen der Konzeptualismus sie so schrecklich lässt, wie sie ist. Du, das Publikum (Leser oder Zuhörer), musst die Sachen in eine Art symbolische Ordnung bringen, bist auf deine eigene ärmliche Trickkiste zurückgeworfen, und es bleibt dir Fluchtweg, weder um zu fliehen, noch zu verstehen, außer dem, von dem du nicht einmal wusstest, dass du ihn mit hineingebracht hast. Und nachdem du deinen eigenen Turm aus diesem Babel gebaut hast, bleiben weiterhin die pieksende Reste, die Brotkrumen, von denen du nicht wusstest, dass du nicht wusstest, was mit ihnen zu tun ist. Dass du aber weißt, oder wenigstens annehmen musstest, erzeugt eine andere Art von disziplinärem oder institutionellem Sinn. Schließlich befinden wir uns ja doch in einem Museum oder einem Buchladen, der auf eine andere Art auch ein Museum ist. Wenn ich dreißig Minuten lang Vergewaltigungswitze lese, von denen viele das Wort „mein Schwanz“ [my cock] beinhalten, welche Restwirkung hat meine Stimme, die verkörpert wird oder zumindest versetzt ist mit einer imaginären, weiblichen Qualität, auf den Text. Was ist der penetrative Effekt einfach zu sagen: „Ich vergewaltige“?

 

Um Jung über Dada zu paraphrasieren: Es ist zu schizophren, um idiotisch zu sein.

 

Es sollte betont werden, dass die Beispiele hier alle meiner eigenen Arbeit entstammen. Dies ist ein Beispiel des Selbstmarketings, oder des Einsatzes von semiotischem Kapital: ein sorgsam arrangiertes, möglicherweise köstliches, teilweise unverdauliches Stück eines geheilten Selbst zu servieren, um es zu teilen. Wie gesellige Kannibalen, knabbern wir kleine Häppchen unserer selbst oder von anderen, wahllos, glücklich, festlich. Und deshalb wurde ich auch CEO der VanessaPlaceInc., einer „transnationalen Kooperation, deren einzige Mission das Gestalten und Produzieren von Objekten ist, die auf das poetische Bedürfnis des menschlichen Herzens, Gesichts und Form abzielen.“ (vanessaplace.biz) Es scheint die erste Kooperation dieser Art weltweit zu sein. Unser Slogan lautet: „Poesie ist eine andere Art des Geldes.“ Unser Motto: „Wir sind, was wir verkaufen, wir verkaufen, was wir sind … deine Wünsche sind unsere Bedürfnisse.“

 

Duchamps letztes Gemälde war Tu m’, das den Schatten eines Hutständers und eines Korkenziehers zeigt. Der Ständer und der Zieher sind Folterinstrumente. Auf Englisch ist „tum“ ein kindisches Wort für Bauch. In einer amerikanischen Apotheke ein Medikament zur Verdauungsförderung. Konzeptuelles Schreiben fügt den fehlenden Schmerz hinzu.

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Swantje Lichtenstein

 

Erschienen im Dossier Konzeptuelles Schreiben, Edit 63, Winter 2013/14